Redewendungen des Nähens

„Du, ich habe gerade den Faden verloren, lass uns doch bald mal treffen, um aus dem Nähkästchen zu plaudern, bei mir läuft gerade einfach nichts nach Strich und Faden.“

Redewendungen wie diese gehören für uns Menschen einfach zum Alltag. Wir verwenden sie ständig, um uns verständlich und bildhaft auszudrücken. Und viele dieser Redewendungen haben ihren Ursprung tatsächlich im Schneider- und Nähhandwerk.

Heute wollen wir euch einmal 5 dieser Redewendungen, die in Verbindung mit dem Nähen stehen, ihre Herkunft und ihren Gebrauch erklären.

Also schnappt euch einen Tee oder Kaffee, lehnt euch zurück und lasst uns auf eine Reise begeben, wie unser Hobby, das Nähen unsere alltägliche Sprache prägt und beeinflusst.

Den (roten) Faden verlieren.

Wenn wir davon reden, dass wir gerade den Faden verloren haben, dann meinen wir meist damit, dass wir gerade nicht mehr genau wissen, wohin wir mit unserer Rede eigentlich hinwollten. Diese Redewendung eignet sich daher perfekt, um zu kommunizieren, dass wir gerade nicht mehr weiterwissen, ohne dabei schlecht da zu stehen.

Im Falle eines Vortrages sprechen wir dagegen oft davon, dass jemand den roten Faden verloren hat, wenn wir das Gefühl haben, dass die einzelnen Teile des Vortrages nicht sinnvoll miteinander in Verbindung stehen. Hier können wir mithilfe der Redewendung also Kritik üben, ohne verletzend zu klingen.

Ursprung der Redewendung:

Wie so oft bei Redewendungen, ist nicht endgültig geklärt, wo diese denn genau herkommen. Zwei Theorien sind hier aber sehr wahrscheinlich:

  1. Ursprung in der griechischen Mythologie:

Dieser Theorie nach stammt die Redewendung vom mythischen Helden Theseus ab, der sich in den Irrgarten des Königs Minos begibt, um den Minotaurus, ein Sagenwesen, das halb Stier halb Mensch ist, zu töten. Damit er aus dem Labyrinth auch wieder herausfindet, gibt ihm seine Geliebte ein rotes Wollknäuel mit, das er im Labyrinth abrollen kann, um wieder heraus zu finden. Der Plan geht auf und Theseus kommt sicher zurück. Er hatte den roten Faden also nicht verloren. Hätte er ihn aber verloren, wäre er wohl für immer verschollen geblieben.

  1. Ursprung beim Nähen:

Diese Theorie ist recht selbsterklärend. Wer beim Nähen den Faden verliert, kann nicht weiterarbeiten, bzw. muss nach dem Faden suchen. Ähnlich ergeht es uns bei den Worten, die uns fehlen, wenn wir beim Sprechen den Faden verlieren. Wir suchen dann nach Worten, um weiter zu sprechen, so wie die Näher*innen nach dem Faden suchen, um weiter zu nähen. Auch wenn diese Theorie naheliegender ist, kann sie nicht erklären, warum der verlorene Faden rot ist. Manchmal wird aber sowieso nur vom verlorenen Faden und nicht vom roten Faden gesprochen.

Etwas läuft nach Strich und Faden.

Die Redewendung, dass etwas nach Strich und Faden läuft, bedeutet heute meistens, dass etwas mit besonderer Sorgfalt oder besonders gut erledigt wurde.

Man kann die Redewendung aber ebenso im Negativen verwenden. So könnte man zu einem reißerisch verhandelnden Vermieter zum Beispiel sagen, dass dieser nach Strich und Faden ein Halsabschneider ist.

Ursprung der Redewendung:

Auch diese Redewendung hat ihren Ursprung beim Schneiderhandwerk.

Früher kontrollierten die Schneidermeister ihre Gesellen mit einer kleinen Lupe, ob diese auch alles anständig vernäht hatten. War alles den Erwartungen des Meisters gerecht, hatte der Geselle nach Strich und Faden, also besonders gut gearbeitet.

Aus dem Nähkästchen plaudern.

Wenn wir sagen, dass wir aus dem Nähkästchen plaudern, dann meinen wir meistens, dass wir offen und ohne Zurückhaltung mit jemandem reden und ihm oder ihr auch Geheimnisse oder vertrauenswürdige Informationen mitteilen.

Ursprung der Redewendung:

Auch hier liegt der Ursprung, wer hätte es auch anders erwartet, wieder beim Nähen.

Früher waren es meist Frauen, die Näharbeiten erledigten. Männer interessierten sich dabei eher wenig dafür, was Frauen dabei machen und wie ihr Werkzeug dazu aussah. Deswegen war es für viele Frauen möglich, komplett offen über ihre Probleme oder Sorgen zu reden, wenn diese sich zum Nähen mit ihren Nähkästchen trafen.

Auch war es für viele Frauen möglich, geheime Briefe und Nachrichten in ihren Nähkästchen zu verstecken.

Am seidenen Faden hängen.

Wenn jemand am seidenen Faden hängt oder von sich selbst behauptet, an ihm zu hängen, dann meinen wir, dass jemand sich in letzter Zeit viele Fehltritte erlaubt hat und ein weiterer nun zu Konsequenzen führen wird.

Ein anderer Anwendungsbereich für diese Redewendung wären Situationen im Allgemeinen. Wenn wir mit Freunden zum Beispiel eine Runde Uno spielen und Peter mal wieder in der dritten Runde in Folge nur noch eine Karte auf der Hand hat. Diesmal haben wir aber eine +2 Karte auf der Hand und sind vor Peter am Zug. Bevor wir unseren Spielzug machen, schauen wir Peter noch verschmitzt an und sagen: „Warts nur ab, dein Sieg hängt nämlich am seidenen Faden.“

Ursprung der Redewendung:

Hier liegt der Ursprung der Redewendung wieder in der Antike, diesmal aber bei den Römern. Der berühmteste römische Redner Cicero erzählt uns in einer Geschichte, mit der er die Schattenseiten von großer Macht erklärt, Folgendes:

Damokles beneidet seinen Herrscher Dionys von Syrakus um dessen Macht und Position und ist davon überzeugt, dass Dionys der glücklichste Mensch auf der Welt sein muss. Um Damokles vom Gegenteil zu überzeugen, räumt Dionys tatsächlich seinen Platz als Herrscher für Damokles und lässt diesen an einem Abend als Herrscher am Abendmahl teilnehmen. Aber Dionys hat das Ganze nicht ohne eine List getan. Über dem Stuhl, auf dem Damokles nun sitzt, hat Dionys ein Schwert, dass nur mit einem dünnen, seidenen Faden verbunden ist, aufhängen lassen. Dieses soll die Gefahren symbolisieren, denen ein Herrscher ständig ausgesetzt ist. Als Damokles das Schwert bemerkt, will er nicht mehr Herrscher sein.

Unser Zeitplan heute ist wirklich auf Kante genäht.

Wenn wir sagen, dass etwas auf Kante genäht ist, meinen wir, dass alles sehr knapp bemessen ist und kleine Abweichungen schon nicht mehr funktionieren und zum Scheitern des Plans führen.

Ursprung der Redewendung:

Ihren Ursprung hat diese Redewendung wieder beim Nähen.

Beim Aneinandernähen von zwei Stoffen brauchen wir eigentlich eine Stoffzugabe, damit diese sicher miteinander verbunden werden können. Fehlt diese Zugabe und die Stoffe liegen beim Vernähen nur genau aufeinander, haben wir auf Kante genäht, was sehr unsicher sein kann.

Die Redewendung überträgt also dieses Problem vom Nähen bildlich auf andere Konzepte.

 

Damit beenden wir für heute unseren kleinen Ausflug in die Welt der Redewendungen des Nähens. Peter hat seine Partie Uno vorhin übrigens doch gewonnen. Er hatte nämlich auch eine +2 Karte auf der Hand und so musste Clara dann gleich 4 Karten ziehen.

 

 

 

 

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